Impressionen INNCONTRO 2019

Wow! Was für ein Wochenende!

Von 21.-23. November fand im Leokino und Spielraum für Alle die zweite Edition des INNCONTRO Film Festivals statt. An drei Tagen herrschte reger Austausch zu Themen rund um Arbeit im Kontext von Migration – ein Schwerpunkt, der 2019 mehr als 500 Besucher*innen anlockte.

Der grandiose Auftakt des Filmfestivals war mit Sicherheit dem so persönlich-beschwingten und doch zum Nachdenken anregenden Film „Wir haben vergessen zurückzukehren“ des wohlbekannten und preisgekrönten Filmemachers Fatih Akin zu verdanken. Eingebettet wurde der Eröffnungsfilm von Erol Yildiz, der in seinen einleitenden Worten die Besonderheiten einer postmigrantischen Perspektive erläuterte. Im anschließenden kritischen Gespräch rückten Ömer Alkin und Lina Dokucović unter der Moderation von Ivona Jelčić die Geschichte von Akins Familie ins Verhältnis zu den damaligen gesellschaftlichen Gegebenheiten der sogenannten „Gastarbeit“ und stellten Fragen nach Repräsentationsstrategien im Film. Bei einem herzhaften Buffet von Ammar Ali wurden die Gespräche in Grüppchen noch bis lange in die Nacht fortgeführt und sich untereinander kennengelernt.

Freitagabend ging es mit eindrucksvollen Dokumentarfilmen weiter, die kaum unterschiedlicher hätten sein können: Steht bei „Chez Jolie Coiffure“ von Rosine Mbakam die persönliche Erzählung von Sabine Amiyeme im Vordergrund, welche trotz Illegalisierung einen Friseursalonbesitzerin in Brüssel betreibt, so ist Ziad Kalthoums „Taste of Cement“ vom dröhnenden Schweigen der gefilmten syrischen Hochbauarbeiter im libanesischen Exil geprägt. Erneut zeigte sich, wie bereichernd die Anwesenheit der Filmemacher*innen am Filmfestival ist: Im Anschluss an die Filmvorführungen konnten Rosine Mbakam und Ziad Kalthoum in von Gilles Reckinger und Evelin Stark moderierten Gesprächen von den Produktionsbedingungen erzählen, ihre Motivation und ihre Herangehensweisen erklären und Fragen beantworten. Nach der Filmvorführung von „Taste of Cement“ schien das für das Publikum besonders wichtig, welches von den überaus ästhetischen doch extrem heftigen Aufnahmen – vom Arbeitsalltag auf der Baustelle ebenso wie von der Zerstörung und Bombardierung Syriens – offensichtlich mitgenommen war.

Am Samstag wurden weitere Aspekte von Arbeit im Kontext von Migration beleuchtet. Schon am frühen Nachmittag setzte sich das Publikum mit migrantischer Care-Arbeit auseinander, filmisch thematisiert von Maren Wickwires „Together Apart“. Der Film, welcher in einer Zeit von zwei Jahren entstanden ist, portraitiert Carren Pacuyan und Guil Anne Simeon, Mutter und Tochter, welche beide jeweils die Philippinnen verließen, um auf Zypern als Hausangestellte zu arbeiten. Die Schwierigkeiten der daraus entstehenden transnationalen Beziehungen, die Bedeutung von Kommunikationstechnologien sowie politische Rahmenbedingungen solcher Anstellungsverhältnisse wurden im anschließenden Gespräch zwischen Maren Wickwire und Kyoko Shinozaki, welche sich an der Universität Salzburg eingehend mit dem Thema Migration und transnationalen Familienbeziehungen beschäftigt, behandelt. Ein großer Erfolg war auch die Filmvorführung von Era Domani von Alexandra D’Onofrio, welche in Kooperation mit dem Italien-Zentrum der Universität Innsbruck sowie dem Institut für Romanistik stattfand. Der Film bot die Gelegenheit, den Arbeitsbegriff auf andere Weise zu betrachten und die anwesenden Filmemachenden zu den Arbeitsbedingungen im Dokumentarfilmbereich zu befragen. Moderiert von Evelyn Ferrari und Mario Casale, welche am FWF-geförderten Projekt „Kino der Migration in Italien seit 1990“ arbeiten, brachte das gemeinsame Podium weitere, interessante Aspekte und Hintergründe der Filme zur Sprache. Im Anschluss hatten Studierende des Medien Masters der Universität Innsbruck die Gelegenheit, Alexandra D’Onofrio in einem ausführlichen Interview zu befragen. Wir sind schon gespannt, von den Eindrücken der Studierenden zu lesen!

Einen krönenden Abschluss fand das Filmfestival schließlich in der Vorführung von „Xalko“, einem Dokumentarfilm von Sami Mermer und Hind Benchekroun, unterstützt vom Zentrum für Kanadastudien der Universität Innsbruck. Xalko ist der Name des Dorfes, in dem Sami Mermer aufgewachsen ist, und das er wie die meisten anderen Männer seiner und der Generation vor ihm, in jungen Jahren verlassen hat. In „Xalko“ kommen diejenigen, zumeist Frauen*, zur Sprache, die zurückgeblieben sind und das Überleben vor Ort gesichert haben – ein sehr persönlicher und intimer Einblick in die Dorf- und Familienstrukturen vor Ort und weltweit. Besonders eindrucksvoll zeigte auch die Zusammensetzung des Publikums, wie verbunden unsere Welt heute durch (Arbeits-)Migration ist: So waren einige Reihen im Saal des Leokino von Personen besetzt, die selbst familiäre Verbindungen zu dem anatolischen Dorf Xalko haben oder gar im Film vorkommen. Für das Filmfestival waren sie extra aus Landeck angereist. Das Gespräch im Anschluss an die Filmvorführung, moderiert von Ömer Alkin, wurde dann auch gleich viersprachig geführt: auf Türkisch, Kurdisch, Englisch und Deutsch. Einen passenderen Abschluss hätte es für das INNCONTRO Filmfestival gar nicht geben können.

In verschiedensten Sprachen ging das das Festival schließlich auch informell zu Ende. Im Spielraum für Alle wurde zu Melodien und Texten aus verschiedensten Orten der Welt getanzt, geklatscht und sich entwickelnde Freundschaften vertieft. Herzlichen Dank an die wunderbaren Musiker*innen: Armağan Uludağ (Gitarre/Gesang), Nora Hassan (Flöte), Erkan Tekin (Erbane/Cajon/Gesang), Mehmet Togaçar (Saz) und Ersin Nazon (Cajon/Gesang)!

So ging das INNCONTRO 2019 mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu Ende. So intensiv und bewegend waren die Begegnungen und die gemeinsame Zeit im Foyer und den Kinosälen des Leokino, doch so schnell ging das gemeinsame Festivalwochenende wieder vorbei. Es bleibt die Vorfreude auf das nächste Jahr – und viele neue, eingespeicherte Kontaktdaten.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen, die das Filmfestival 2019 ermöglicht haben. Danke an das Filmfestivalteam: Eric Bayala, Michael Haupt, Marco Friedrich, Andrea Krotthammer, Bernhard Schneider, Verena Teissl und Alena Klinger. Danke an den wissenschaftlichen Beirat: María Teresa Herrera Vivar, Sandra Altenberger, Marta Cesar, Florian Ohnmacht. Danke an das Team vom Leokino für die tolle Betreuung vor Ort! Danke an die wunderbare Kooperation mit dem Otto-Preminger Institut, dem Spielraum für Alle, dem Zentrum für Kanadastudien Innsbruck, dem Italien-Zentrum und Institut für Romanistik Innsbruck, FWF Wissenschaftsfonds und ZeMiT – Zentrum für MigrantInnen in Tirol. Danke an die Unterstützung von Caritas Tirol, IKB, Bundeskanzleramt Österreich, Land Tirol, Arbeiterkammer Tirol, Stadt Innsbruck und Joul’s Kaffeesiaderei! Wir bedanken uns für bewegende Filme und Gespräche und ein schwungvolles Abschlusskonzert! Danke an Raphael Larch für die tollen Gemälde von Filmstills! Danke für die tatkräftige Unterstützung von Clemens Maass und Philipp Wesseling, sowie für das Engagement von Jana Walch, Julia Wallner, Benny Aßmus, Martina Pomaro, Hali Diallo, Christian Träger, Katinka, Rina Loveki und Anna Lengyel!

Fotografie: Alena Klinger
Zur vollständigen Galerie: www.inncontro.com/galerie-2019

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