4. Jenischer Kulturtag – 12. Oktober

Die Jenischen Kulturtage wenden sich gegen das Vergessen und treten ein für die Sichtbarmachung der Jenischen Gegenwart und Vergangenheit sowie des Beitrags der Jenischen zur Tiroler Geschichte. Jenseits von herabwürdigender Stereotypisierung und der Romantisierung der fahrenden Lebensweise soll bei den Jenischen Kulturtagen ein realistischeres Bild der teils vergessenen und verschwiegenen, teils noch lebendigen Traditionen, Kultur und Lebensformen gezeichnet werden. In Gesprächen und Erzählungen über damals und heute, über Dokumente und Bilder, in Form von Musik und Handwerk. So freuen wir uns auch 2019 auf einen wunderbaren Tag voller eindrücklicher Begegnungen und regen Austausches!
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PROGRAMM
13:30 Uhr Gemeinsames Mittagessen

14:30 Uhr Musikalischer Einstieg und Eröffnung im Café
Begrüßung durch Bürgermeister Georg Willi und Eröffnungsworte von Willi Wottreng, Geschäftsführer der Radgenossenschaft der Landstrasse

15:30 Uhr „Karrner im Vinschgau“
mit poetischem Einstieg von Gabi Obwegeser, anschließend Gespräch zwischen Paul Rösch und Gabi Obwegeser
Gabi Obwegeser | Vintschger Museum Schluderns
Paul Rösch | Bürgermeister Meran, Disseratation Univ. Innsbruck 1988 „Gegenwartsüberlieferung der Karrner im Vinschgau“

Moderation: Benedikt Sauer, promovierter Literaturwissenschaftler, lebt als freischaffender Journalist und Buchautor in Innsbruck

17:00 Uhr Lesung: „Wer einmal aus dem Blechnapf liest“
Lesung von Venanz Nobel: «Wer einmal aus dem Blechnapf liest». Venanz Nobel | Jenischer Autor, Historiker. Mitbegründer von Schäft qwant und Mitglied der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. Writer in Residence in der Meraner Franz-Edelmaier Residenz für Literatur und Menschenrechte

17:45 Uhr Fröhlich verwildern: Geschichten und Gedichte
von Mariella Mehr
Heftvorstellung von Christa Baumberger mit Illustrationen von Isabel Peterhans
Christa Baumberger | Geschäftsleiterin der Stiftung Litar und bis 2018 Kuratorin des Mariella Mehr-Archivs am Schweizerischen Literaturarchiv, Bern

Moderation: Heidi Schleich, Sprachwissenschaftlerin und Autorin (“Das Jenische in Tirol”)

19:00 Uhr „Jenisch sein“: Generationengespräch im Café
mit Gabi Obwegeser, Ursulina Gruber, Marco Buckovez, Helene Dablander und Nina Monz
Ursulina Gruber | 62 Jahre, Basel
Marco Buckovez | 35 Jahre, Innsbruck
Helene Dablander geb. Renzl | 65 Jahre, Hall i. Tirol
Nina Monz | 25 Jahre, Hall i. Tirol

Moderation: Michael Haupt, Geschäftsführung Initiative Minderheiten Tirol

20:30 Uhr Musikalischer Ausklang
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RAHMENPROGRAMM

Musikalische Begegnungen
Bei verschiedenen Jam Sessions haben sich Mario Hein, Joseph Counousse Mülhauser und Marco Buckovez an den vergangenen Jenischen Kulturtagen kennengelernt. Wir freuen uns, dass sie heuer gemeinsam den Jenischen Kulturtag einläuten sowie ausklingen lassen!

„Dia Hontalar fa Prood handern mir nooch“ von Lara Domeneghetti
Lara Domeneghetti ist professionelle Holzschnitzerin und Malerin aus dem Ober Vintschgau. Schon in früher Schulzeit inspirierten und begleiteten sie die „Korrnrliadr“ von Luis Stefan Stecher und die miteinhergehende Geschichte der „Korrnr“, die für sie einen faszinierenden und wichtigen Teil des Vintschgauer Kulturerbe darstellt. Die Arbeit mit dem selben Titel des Gedichtes von Stecher „Dia Hontalar fa Prood handern mir nooch“ entstand aus ihrem tiefliegendem Interesse an den bäuerlichen Traditionen und der Volkskunst ihres Heimattales, sowie durch den Austausch mit anderen Kulturen und Bräuchen in ihren Reisen und Arbeitsaufenthalten.

Ausstellung: Martin Schauer
Martin Schauer ist freischaffender Künstler mit Jenischen Wurzeln, der mit autodidaktischen und akademischen Künstler*innen zusammenarbeitet. Verschiedenste Techniken wie Acryl, Wasserfarben, Buntstifte, Mischtechniken und Kaltnadelradierungen werden auf Papier und Leinwand miteinander kombiniert. Martin Schauer blickt auf zahlreiche Ausstellungen in Innsbruck, Wien, Zürich und vielen anderen Städten zurück. Wir freuen uns, seine Bilder beim Jenischen Kulturtag präsentieren zu dürfen!

Ausstellung: Illustrationen zu „fröhlich verwildern“ von Isabel Peterhans
Isabel Peterhans ist Schweizer Illustratorin und Comickünstlerin und lebt und arbeitet derzeit in Innsbruck. In ihrer letzten Arbeit illustrierte sie das Heft „fröhlich verwildern“ mit Geschichten und Gedichten der Schweizer Jenischen Schriftstellerin, Journalistin und Aktivistin Mariella Mehr. Dazu fertigte sie Linolschnitte mit kräftigen Farbakzenten, die die harten, kraftvollen, manchmal aber auch heiteren und zärtlichen Texte Mehrs widerspiegeln.

„Die Karrner – Wandervolk aus dem Vinschgau“ Ein Dokumentarfilm von Astrid Kofler und Günther Neumair. IT 2018, 50 Min. In Schleife gezeigt.
Wann die ersten Familien im Vinschgau ihre Dörfer verließen um sich unterwegs als Händler, Hausierer, Besenbinder, Korbflechter und Pfannenflicker zu verdingen, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Es stellte aufgrund der hohen Armut der Region allerdings eine Überlebensstrategie dar, welche in nahezu allen Teilen Tirols seit dem 16. Jahrhundert zu beobachten ist. Mit dem Ausbau der Vinschger Bahn, dem 1. Weltkrieg und der Option sind heute die letzten Fahrenden aus dem Vinschgau verschwunden, geblieben ist das Schimpfwort „Karrner“. Mit Luis Stefan Stechers „Korrnrliadrn“ hat ein Umdenken und eine erste Aufarbeitung des Themas stattgefunden. Heute wird im Vinschgau stolz auf „Karrner“ – Ahnen verwiesen und die Geschichte der Armut als Teil der kollektiven Vergangenheit betrachtet. Astrid Kofler und Günther Neumair begaben sich auf Recherche zu den Lebensverhältnissen des Wandervolks aus dem Vinschgau.

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In Kooperation mit Die Bäckerei und Stiftung Litar
Gefördert von Stadt Innsbruck, Land Tirol, Bundeskanzleramt und Swarowski