Zehnter Jenischer Kulturtag

Zehnter Jenischer Kulturtag

Früher zogen Jenische in kleinen Familienverbänden durch das Land, um den Sesshaften ihre Arbeitskraft und handwerklichen Fähigkeiten anzubieten. Als Menschen mit eigenen Lebensweisen, einer eigenen Sprache und eigenständigen kulturellen Traditionen waren sie eine Minderheit, die schon früh diskriminiert und zur Sesshaftigkeit gezwungen werden sollten.

Im Nationalsozialismus wurden Jenische als sogenannte Asoziale verfolgt und ermordet. Doch auch nach 1945 bis in die jüngste Vergangenheit nahm die Unterdrückung und Gewalt kein Ende, etwa durch willkürliche Gefängnisstrafen oder Kindswegnahmen durch die Jugendwohlfahrt, bei der die ihren Familien entrissenen Kinder in anerkannten Institutionen systematisch gequält, geschlagen und erniedrigt wurden. Ein dunkles Kapitel der Geschichte der Jenischen, das bis Mitte der 1980er anhielt und bis heute weiterwirkt.

Der zehnte Jenische Kulturtag fällt mit gleich mehreren Jahrestagen zusammen. Zum zehnten Mal treten die Jenischen Kulturtage gegen das Vergessen an und machen jenische Gegenwart und Vergangenheit sichtbar. Vor zwanzig Jahren starb Romed Mungenast, der erste Jenische in Österreich, der sich öffentlich zu seiner Herkunft bekannte – sein Wirken prägt die Beschäftigung mit jenischer Geschichte in Tirol bis heute. Vor fünfundzwanzig Jahren erschienen die von ihm herausgegebenen „Jenischen Reminiszenzen“, in denen jenische Stimmen erstmals selbst zu Wort kamen. Und vor fünfunddreißig Jahren wurde die Initiative Minderheiten gegründet, aus deren Arbeit das Jenische Archiv und die Kulturtage hervorgingen. Vier Jubiläen, ein gemeinsamer Faden: das Eintreten für Sichtbarkeit, Anerkennung und Selbstbestimmung.

So freuen wir uns ein zehntes Mal auf einen Tag voller eindrücklicher Begegnungen und regen Austausches.

Samstag, 19.09.26 ab 14:00 Uhr
Kulturbackstube, die Bäckerei


Dreiheiligenstraße 21a
6020 Innsbruck

Programm:

ab 14:00 Uhr Kaffee & Kuchen

14:40 Uhr Begrüßung

Marco Bukovic, Jenischer Aktivist
Michael Haupt, Initiative Minderheiten Tirol

15:00 Uhr Präsentation Buch „Jenische Reminiszenzen“

Als 2001 die „Jenischen Reminiszenzen“ erschienen, kamen darin erstmals
jenische Stimmen in gebündelter, gedruckter Form zu Wort — gesammelt und
herausgegeben von Romed Mungenast. Fünfundzwanzig Jahre später erscheint
das Buch neu. Die Herausgeber*innen Heidi Schleich und Michael Haupt stellen
die Ausgabe vor und sprechen über das, was sie damals wie heute leistet: jenische
Erfahrung nicht über die Betroffenen, sondern von ihnen selbst erzählen
zu lassen. Die Autorin Simone Schönett liest aus ihren Beiträgen „Auf den Spuren
jenischer Frauen“ und „Nachruf auf Romed Mungenast“.

Mit dabei:

Heidi Schleich, Herausgeberin, Aktivistin
Michael Haupt, Herausgeber, Initiative Minderheiten Tirol | Jenisches Archiv
Simone Schönett, Jenische Autorin

16:30 Uhr Was bleibt von Romed Mungenast?

Romed Mungenast (1953–2006) war der erste Jenische in Österreich, der sich
öffentlich zu seiner Herkunft bekannte. Als Autor, Sammler und unermüdlicher
Vermittler machte er jenische Geschichte, Sprache und Kultur dort sichtbar, wo
sie zuvor verschwiegen oder nur aus behördlicher Perspektive überliefert war.
Zwanzig Jahre nach seinem Tod fragt eine Gesprächsrunde nach dem, was von
seiner Arbeit geblieben ist: Welche Spuren hat er hinterlassen, welche Impulse
wirken bis heute — und was bleibt zu tun? Weggefährt*innen erinnern, ordnen
ein und denken weiter.

Mit dabei:

Hans M., Historiker, Schweiz
Heidi Schleich, Autorin
Elisabeth Groissinger-Spiss, Politikwissenschaftlerin

18:00 Uhr Objekte und ihre Geschichte

Jenische Geschichte ist in der Regel nur aus behördlicher Sicht festgehalten,
dabei sind durch die mündliche Tradition viele Erzählungen aus alten Zeiten in
den Familien präsent. Anknüpfend an das Format des vergangenen Jahres holen
österreichische Jenische persönliche Gegenstände aus ihrem Besitz vor den
Vorhang und schließen an der jenischen Form des Erzählens an.

Mit dabei:

Hans Monz, Salzburg
Harald Sowoda, Wien
Simone Schönett, Kärnten

Durchgehend kleine Ausstellung zu Romed Mungenast

Begleitend zum Kulturtag erinnert eine kleine Ausstellung an Leben und Werk
von Romed Mungenast. An einer mehreren Stationen werden Medien, Bilder
und Dokumente zusammengeführt — von Ton- und Videoaufnahmen bis zu
Materialien aus seinem Nachlass. Die Ausstellung lädt dazu ein, seiner Stimme
noch einmal zu begegnen und sich Zeit für einzelne Zeugnisse zu nehmen.

Ab 19:30 Uhr Musik: Gedichte von Romed Mungenast & Jam Session

Romed Mungenast war auch Lyriker. Marco Buckovez vertont einige Gedichte von
ihm und lädt anschließend auch alle anderen zum gemeinsamen Musizieren ein.
Also nehmt gerne eure Instrumente mit