Der Duft von Kaffee und Kuchen mischte sich mit angeregten Gesprächen auf Deutsch, Schweizerdeutsch und Jenisch und signalisierte sofort, dass der neunte Jenische Kulturtag am 20. September 2025 ebenso ein Familientreffen wie ein kulturelles Symposium war. Im Kunstraum „Reich für die Insel“ in Innsbruck, inmitten der geschichtsträchtigen Bauten von Hofburg und Landestheater, etablierte sich die Veranstaltung einmal mehr als ein wichtiger Treffpunkt für Jenische, Wissenschaftler:innen und Interessierte aus Tirol, Deutschland, Liechtenstein und der Schweiz. Diese gelebte Gemeinschaft wurde durch ein starkes Zeichen der offiziellen Anerkennung untermauert, das an diesem Tag eine besondere Bedeutung erhielt.
Ein Zeichen der Gegenwart: Der Besuch des Landeshauptmanns
Die persönliche Anwesenheit von Landeshauptmann Anton Mattle war mehr als eine formelle Geste; sie wurde als klares und strategisch wichtiges Zeichen der Wertschätzung und der Verantwortungsübernahme des Landes Tirol für die jenische Geschichte gewertet. In seinen Eröffnungsworten betonte Michael Haupt von der Initiative Minderheiten, wie bedeutsam Mattles physische Präsenz im Gegensatz zu einer reinen Videobotschaft sei – ein Ausdruck dafür, dass die Jenischen als integraler Teil der Tiroler Gesellschaft anerkannt werden.
Landeshauptmann Mattle selbst griff diese Symbolik auf, indem er den Veranstaltungsort – einen Raum für zeitgenössische Kunst – als treffende Metapher für das Ankommen der Jenischen in der Gegenwart beschrieb. Seine Worte verliehen der Veranstaltung einen politischen Rahmen, der die folgenden inhaltlichen Auseinandersetzungen trug und die Bedeutung des Tages als Moment des Dialogs zwischen Politik und Zivilgesellschaft unterstrich.
Tiefgänge in die Geschichte: Einblicke in das Programm
Das Programm des Kulturtags bot vielfältige und tiefgründige Perspektiven auf die jenische Geschichte. Ein zentrales Thema des Tages war die Rückeroberung der eigenen Geschichte durch die Gegenüberstellung von unterdrückenden offiziellen Narrativen und persönlichen sowie literarischen Akten der Selbstbehauptung. Die Vorträge und Gesprächsrunden dienten dazu, vergessene Narrative sichtbar zu machen, die offizielle Geschichtsschreibung kritisch zu hinterfragen und den Stimmen der Jenischen selbst Raum zu geben.
Frühe Spuren und Fremdbezeichnungen
Den Auftakt machte der Historiker und Schriftsteller Willi Wottreng, der in seinem Vortrag die offizielle Bezeichnung „Räuberbande“ dekonstruierte. Am Beispiel eines Prozesses in Giessen im Jahr 1726 analysierte er historische Protokolle und legte seine zentrale These dar: Der Begriff „Ziegeuner“ wurde im 18. Jahrhundert auf zwei Weisen verwendet – zum einen als Ethnonym für Gruppen wie Sinti, zum anderen aber auch als weitgefasster polizeilicher Ordnungsbegriff für alle fahrenden Leute, einschließlich der Jenischen. Wottreng argumentierte, dass diese terminologische Unschärfe die frühe Geschichte der Jenischen unsichtbar gemacht hat, da sie unter einem Label subsumiert wurden, das heute enger interpretiert wird.
Literarische Selbstermächtigung
Einen weiteren Höhepunkt bildete die Verstärkung einer Stimme literarischer Selbstdokumentation durch die Herausgeberinnen Christa Baumberger und Nina Debrunner, die Albert Minders (1879–1965) „Korber-Chronik“ vorstellten. Minder, selbst aus einer heimatlosen Familie stammend, erforschte als erster in der Schweiz das Leben seiner Vorfahren. Sein Ziel, wie er selbst sagte, war es, das „Leid und Unrecht“, das seine Familie erfahren hatte, „in alle Welt hinauszuschreien“. Seine Chronik ist nicht nur eine eindringliche Schilderung von Armut und dem Leben einer nicht-sesshaften Familie im 19. Jahrhundert, sondern auch eine von unten erzählte Sozialgeschichte der Schweiz.
Wenn Objekte erzählen
Der Programmpunkt „Objekte und ihre Geschichte“ verkörperte die Erinnerung gegen die bürokratische Auslöschung. Das Konzept war ebenso einfach wie wirkungsvoll: Persönliche Gegenstände von Jenischen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz dienten als Ausgangspunkt, um familiäre Erzählungen zu teilen. Diese gelebten Geschichten wurden der oft entmenschlichenden Sichtweise in behördlichen Akten gegenübergestellt. Wo amtliche Dokumente von „Asozialität“ und „Arbeitsscheu“ sprechen, erzählten die Objekte von Handwerk, Zusammenhalt und menschlicher Würde.
Nachdem die Geschichten der Vergangenheit und Gegenwart durch Worte und Objekte lebendig geworden waren, fand der Tag seinen emotionalen Ausklang in der universellen Sprache der Musik.
Klangvoller Abschluss
Den stimmungsvollen Schlusspunkt setzte das Konzert des Kärntner Akkordeonisten Rudi Katholnig, musikalisch geprägt von seinem jenischen Großonkel, der gemeinsam mit dem Schlagzeuger Markus Gruber auftrat. Ihre Musik schuf eine verbindende Atmosphäre und ließ den intensiven Tag harmonisch ausklingen. Letztlich war der neunte Jenische Kulturtag mehr als eine gelungene Veranstaltung; er war eine kraftvolle Demonstration einer Gemeinschaft, die ihr eigenes Narrativ einfordert und einen Raum für zeitgenössische Kunst in ein lebendiges Archiv jenischer Resilienz, Erinnerung und Zukunft verwandelte.