Zweiter Jenischer Kulturtag

 

Samstag, 23.9.17 ab 13:30 Uhr

Kulturbackstube, die Bäckerei
Dreiheiligenstraße 21a
6020 Innsbruck

Filmmatinée „Unerhört Jenisch“ im Zeughaus

Sonntag, 24.9.17 – 11 Uhr

Zeughaus
Zeughausgasse 1
6020 Innsbruck

Zweiter Jenischer Kulturtag

Im kollektiven Gedächtnis sind Jenische und die Kultur der Fahrenden nach wie vor präsent, auch wenn viele von ihnen schon seit Jahrzehnten sesshaft geworden sind. Einerseits sind diskriminierende Bezeichnungen, wie Karrner, Laninger oder Dörcher, sowie Klischees über einen rauen Umgang innerhalb der Gemeinschaft vielen ein Begriff, andererseits wird das Leben der Jenischen romantisiert und Menschen verknüpfen Kindheitserinnerungen mit dem Besuch der Fahrenden in den Dörfern. Mit den realen Lebensbedingungen damals wie heute hat weder das eine noch das andere zu tun.

Früher zogen Jenische in kleinen Familienverbänden durchs Land, um den Sesshaften ihre Arbeitskraft und ihre handwerklichen Fähigkeiten anzubieten. Als Menschen mit einer eigenen Lebensweise, einer eigenen Sprache und eigenständigen kulturellen Traditionen waren sie eine soziokulturelle Minderheit – und sind es bis heute geblieben. Anfang bis Mitte des letzten Jahrhunderts wurden bereits viele Jenische gezwungen, sesshaft zu werden. Aus Angst vor Diskriminierung änderten sogar einige ihre Familiennamen und verschwiegen ihre Herkunftsgeschichte.

Im Nationalsozialismus wurden Jenische als sogenannte Asoziale verfolgt und ermordet. Aber auch nach 1945 bis in die jüngste Vergangenheit nahm die Diskriminierung und Verfolgung kein Ende: Etwa durch zum Teil willkürliche Gefängnisstrafen oder Kindswegnahmen durch die Jugendwohlfahrt. Die ihren Familien entrissenen Kinder wurden in anerkannten Institutionen systematisch gequält, geschlagen und erniedrigt. Ein dunkles Kapitel der Geschichte der Jenischen, die bis Mitte der 1980er anhielt und bis heute weiterwirkt.

Auch wenn die Jenischen als Messerschleifer, Korbflechter oder Besenbinder älteren MitbürgerInnen lebhaft in Erinnerung geblieben sind, geraten die jenische Sprache und die kulturellen Traditionen zunehmend in Vergessenheit – ein verlorenes kulturelles Erbe, ein unsichtbares Stück Tiroler Vergangenheit.

Der zweite Jenische Kulturtag wendet sich gegen das Vergessen und tritt für eine Sichtbarmachung der Jenischen Kultur und damit auch für eine Sichtbarmachung des Beitrags der Jenischen zur Tiroler Geschichte ein. In Erzählungen und Gesprächen über damals und heute wird Klischees und Romantisierung entgegengetreten und ein realistisches Bild einer vergessenen und verschwiegenen Lebensweise gezeichnet.

In erster Linie jedoch freuen wir uns auf einen zweiten Jenischen Kulturtag voll angeregtem Austausch, munterer Plauderei, spannenden Begegnungen und freudigem Wiedersehen!

Programm (hier Download)

13:30 Uhr        gemeinsames Mittagessen
15:00 Uhr        Begrüßung/Eröffnung
15:15 Uhr        Carmen Gratl liest aus Werken von Mariella Mehr

Mariella Mehr (*1947, Zürich): ): Roma-Schriftstellerin und politisch engagierte Journalistin; Jenische, bereits in früher Kindheit von der Aktion «Kinder der Landstrasse» betroffen, die Kinder ihren jenischen Eltern wegnahm. 1975 Mitbegründerin der Radgenossenschaft der Landstraße, 1998 Ehrentitel der Universität Basel für Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, zahlreiche Auszeichnungen für ihr literarisches Werk

Carmen Gratl: Schauspielerin und Produzentin, Mitbegründerin der Theatergruppe Staatstheater Innsbruck

15:30 Uhr        Erinnerungsbruchstücke. Reflexionen über das jenische Leben im 19. Jahrhundert in der Familienüberlieferung. Ein Gespräch mit Stefan Dietrich

Stefan Dietrich: Historiker, Leiter des Medienbüros der Markgemeinde Telfs und Mitglied des Telfer Chronistenteams

16:15 Uhr        Pause
16:45 Uhr        Carmen Gratl liest aus Werken von Mariella Mehr
17:00 Uhr        Arm waren die Anderen. Die Tiroler Jenischen – Subculture? Impulsvortrag und Diskussion mit Christian Neumann.

Christian Neumann: 40 Jahre unterwegs als Tunnelbauer im internationalen Umfeld von Infrastrukturprojekten, nach seiner Pensionierung Studium der Europäischen Ethnologie/Volkskunde an der Universität Innsbruck

17:45 Uhr        Pause
18:15 Uhr        Nina Debrunner: Vorstellung Archiv Mariella Mehr

Nina Debrunner: Literatur- und Musikwissenschaftlerin, Erschließung des Archivs von Mariella Mehr in Bern, Mitherausgeberin von „Widerworte. Geschichten, Gedichte, Reden, Reportagen“ mit Texten von Mariella Mehr (2017, Limmat Verlag)

18:30 Uhr       Carmen Gratl liest aus Werken von Mariella Mehr
19:00 Uhr        Pause und Essen
19:30 Uhr        Handwerk und altes Wissen. Was bleibt? Was ist geblieben? Martin Flicker u.a.

Martin Flicker: Privater Gartengestalter, Beratung und Workshops zum Umgang mit Heilkräutern und der Natur nach jenischer Tradition

20:15 Uhr        Joseph Counousse Mülhauser – Schwyzerörgli

Joseph Mülhauser: Künstlername Counousse, Schweizer Musiker, bekannter Vertreter der jenischen Schwyzerörgeli-Musikszene

 

Rahmenprogramm:

Ausstellung von historischen Fotos und Dokumenten

In einer Ausstellung werden historische Fotografien und Dokumente, wie z.B. ein Schultagebuch aus privaten Archiven, sowie Grafiken aus historischen Büchern aus dem Landesmuseum und damit eine Gegenüberstellung von Selbst- und Fremddarstellung gezeigt.

Workshop: Messerschleifen und Schirmflicken

Messer- und Scherenschleifen oder Schirmflicken waren zwei typische Arbeiten, die fahrende Jenische der sesshaften Mehrheitsbevölkerung anboten. Bei einer Station kann man sich unter Anleitung bei diesen Arbeiten selbst ausprobieren. Also Messer und (alte) Schirme mitbringen!

Sonntag, 24.9. – 11:00 Uhr

Filmmatinée „Unerhört Jenisch“ (CH 2017, 92 min) von Karoline Arn und Martina Rieder

ZEUGHAUS, Zeughausgasse 1, Innsbruck

Stephan Eicher spielt mit dem Bild des Zigeuners und sucht mit seinem Bruder Erich nach seinen jenischen Wurzeln. Die Spur führt in die Bündner Berge, zu den einst zugewanderten Familien Moser, Waser und Kollegger und ihrer legendären Tanzmusik. Die Familien leben eine faszinierende und leidenschaftliche Musiktradition. Sie prägt die Schweizer Volksmusik, sucht den Blues, brilliert als Chanson oder rebelliert im Punk. Unerhört jenisch erzählt aber auch eine bis anhin ungehörte Geschichte mit vielen Facetten und Tonlagen. Ein Film über das Geheimnis des besonderen Sounds.

Moderation: Michael Haupt und Sonja Prieth

Michael Haupt: Geschäftsführer Initiative Minderheiten Tirol, Kulturarbeiter

Sonja Prieth: Dipl. Sozialarbeiterin, Sozialwissenschaftlerin, Akademische Supervisorin/Coach, freie Journalistin, Texterin

Eine Veranstaltung der Initiative Minderheiten Tirol. Eintritt frei!

Ein herzliches Dankeschön an Heidi Schleich für die konzeptionelle und organisatorische Mitarbeit, sowie an Hans Monz und Reini Monz für die tatkräftige Unterstützung in der Vorbereitung und Durchführung des zweiten Jenischen Kulturtags.

 

Unterstützt vom Land Tirol, Stadt Innsbruck und kulturimpuls tirol.

 

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