TEIL I: Symposium „Bettelverbote im Widerspruch: Debatten – Argumente – Interventionen“

symposium2Die ganztägige Veranstaltung am 5. April 2014 sollte zum Einen Künstle  rInnen, WissenschafterInnen und AktivistInnen aus Wien, Steiermark, Salzburg und Tirol miteinander ins Gespräch bringen und vernetzen. Zu diesem Zweck wurde eine umfangreiche Bestandsaufnahme gemacht, wer sich mit welchen (künstlerischen, wissenschaftlichen, aktionistischen) Mitteln in Österreich mit dem Thema Betteln beschäftigt.
Zum andern sollte mit dem Symposium für ein breites Publikum ein möglichst umfassender Einblick in die Debatten, Argumente und Gegenargumente ermöglicht werden mit dem Ziel einer eigenständigen Meinungsbildung zum kontrovers diskutierten Thema des Bettelns.

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Diskurse & GegenArgumente

Vortrag Elisabeth Kapferer (Salzburg): Armut, Öffentlichkeit und öffentliches Armutswissen unter besonderer Berücksichtigung der Potentiale künstlerischer Interventionen

symposium4Sei es im Wahlkampf, in den Medien, am Stammtisch: Armut in Österreich ist Thema. Die Armutsdebatte wird öffentlich und vielfältig geführt – oft erbittert, selten sachlich. Wenn mit Interventionen auf die Debatten reagiert werden will, verdient nicht nur das „Was“ der entsprechenden Äußerungen und herrschenden Bilder, sondern auch das „Woher“ und „Wohin“ Aufmerksamkeit. Um was für eine Art Wissen handelt es sich bei „öffentlichem Armutswissen“ und um wessen Wissen geht es dabei? Vor allem aber: Aus welcher Perspektive kommt es und was können Hintergründe sein? Und was sind schließlich die Konsequenzen solches Wissens und seiner Äußerungen und somit mögliche Andockpunkte für Intervention?

Vortrag Stefan Benedik (Graz): Von der „Verletzung kultureller Gefühle“ bis zum „Schandfleck, der ausradiert gehört“. Konstruktionen von Bettler_innen als Bedrohung in österreichischen Medien

symposium5Seit 25 Jahren sind auch im öffentlichen Raum österreichischer Städte Menschen präsent, die als transnationale Arbeitsmigrant_innen bezeichnet werden können. Obwohl die sozialen Praktiken von Betteln, Straßenmusik, Straßenzeitungsverkauf etc. kaum Konfliktpotential gezeigt haben, gerieten sie in den Medien häufig zu äußerst kontroversiell diskutierten Themen. Der Vortrag stellt exemplarisch einige jener Diskursfiguren und Bilder vor, die in den öffentlichen Diskussionen am weitesten verbreitet sind und wird dabei auch die Vorstellungen von „Kultur“ und Geschlechterrollen herausarbeiten. Abschließend wird auch das Engagement von Organisationen, die für die Betroffenen intervenieren, im Verlauf und Charakter dieser Auseinandersetzungen analysiert.

Vortrag Ferdinand Koller (Wien): Gegenargumente zum dominanten Diskurs

symposium6Der Diskurs um Bettelverbote ist vom Bild einer Bettelmafia geprägt, welche die Bettler_innen ausbeuten würde. Politiker_innen argumentieren, dass einerseits die Bettler_innen geschützt werden müssen, andererseits die Bewohner_innen der Städte. Doch neben diesem Argument finden sich noch andere, mit denen Bettelverbote legitimiert werden: Bettler_innen stören das Stadtbild und schaden Tourismus und Wirtschaft; Bettler_innen sind ein Sicherheitsproblem und stellen eine unzumutbare Belästigung dar; Almosen sind keine „nachhaltige“ Hilfe. Diese Argumente werden analysiert und im Anschluss Gegenargumente entwickelt.

 

Kurzfilm mit Diskussion: „Graz – Hauptstadt des Bettelverbots“

AT / 2011, Vis-à-vis Film, 29 min, Regie: Heinz Trenczak. Kollektives Projekt mit zahlreichen Beteiligten.

Ab Februar 2011 wurde bei der großen Demonstration vor dem Landhaus und in der Herrengasse und bei der gleichzeitigen entscheidenden Sitzung im Steiermärkischen Landtag, bei der Plakataktion rund um das Bettelverbot sowie bei der Eröffnung der Ausstellung „Wir alle sind Bettler, das ist wahr“ im Grazer Stadtmuseum gedreht. Aus diesen Materialien entstand ein mehr oder minder polemisches Videodokument.


Rechtliche Rahmenbedingungen & aktivistische Netzwerke

Vortrag Barbara Weichselbaum (Wien): Landesrechtliche Bettelverbote und die Rechtsprechung des Verfassungsgerichtshofes

symposium7Der Verfassungsgerichtshof (VfGH) hat sich im Jahr 2012 in mehreren Entscheidungen mit der Frage der Zulässigkeit des Bettelns beschäftigt. Kernaussagen sind, dass „stilles Betteln“ erlaubt ist und die Regelung von Bettelverboten in die Kompetenz der Länder („örtliche Sicherheitspolizei“) fällt. Bettelverbote sind in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich geregelt. Im Vortrag werden auch Fragen aufgegriffen, die der VfGH in seinen Entscheidungen unbeantwortet gelassen hat, wie etwa die Auslegung des Begriffs „organisiertes Betteln“ oder ob das Erschweren der Benützung eines öffentlichen Ortes für andere Personen durch Bettler_innen tatsächlich die Form eines „Missstandes“ annehmen kann, der der Landeskompetenz „örtliche Sicherheitspolizei“ zuordenbar ist.

Podiumsgespräch mit Aktivist_innen aus Österreich

symposium8In den letzten Jahren gibt es in Österreich vermehrt Widerstand gegen die Kriminalisierung von bettelnden Menschen. Solidarität und Protest nehmen dabei vielfältige Formen an und hinterlassen kontroverse Spuren. Im Mittelpunkt des Podiumsgesprächs mit Aktivist_innen aus Österreich stehen Fragen nach Möglichkeiten, Erfolgen und Grenzen von Interventionen durch Reflexion praktischer Erfahrungen. Handlungsperspektiven und Vernetzungen werden dabei ebenso thematisiert wie Widersprüche und Rückschläge. Was sollen und können Interventionen bewirken, wo setzen sie an, worauf zielen sie ab? Und welche Strategien werden angewendet?

symposium9Es diskutierten: Nora Musenbichler (Graz), Hans-Peter Graß und Desirée Summerer (Salzburg), Marion Thuswald und Ferdinand Koller (Wien), Ricarda Kössl, Elisabeth Hussl und Philipp Sperner (Innsbruck).


Austausch & Handlungsperspektiven

In parallel angebotenen Gesprächsgruppen mit einführenden Impulsreferaten bestand die Möglichkeit, sich zu speziellen Themenbereichen und Fragen zu informieren, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam Handlungsperspektiven zu entwickeln.

·         Gemeinsame politische Arbeit mit bettelnden Menschen?!
Input und Moderation: Marion Thuswald, Philipp Sperner
·         Macht der Medien – machtlose Interventionen?
Input und Moderation: Nora Musenbichler, Stefan Benedik
·         Herausforderungen – Persönlicher Umgang mit bettelnden Menschen.
Input und Moderation: Ferdinand Koller, Elisabeth Hussl
·         Betteln & Bettelverbote als Thema der Bildungsarbeit.
Input und Moderation: Desirée Summerer, Hans Peter Graß
·         Soziale Arbeit – Unterstützungsmöglichkeiten.
Input und Moderation: Franz Wallentin, Ricarda Kössl, Michael Neuner


Kunst & Intervention

Gespräch mit der Filmemacherin Ulli Gladik

Die Filmemacherin Ulli Gladik hat eine Reihe von Kurzfilmen gedreht, in denen die Stimmen der Betroffenen zum Nachdenken anregen: Interview Beata (2006), Iveta und Bandi (2006), „Die Polizei ist die Mafia“ (2005) oder „Frau Martinas Kampf gegen das Wiener Bettelverbot“ (2011). Das Gespräch mit der Regisseurin führte Daniel Pöhacker.

Filmvorführung: „Natasha“

AT / 2008, Regie: Ulli Gladik, 84 min, Bulgarisch mit deutschen oder englischen Untertiteln.

Natasha lebt in einer kleinen Stadt in der Nähe von Sofia/Bulgarien. Um ihre Familie zu ernähren, fährt sie seit drei Jahren mehrmals jährlich nach Österreich um zu betteln. Ulli Gladik, Kamerafrau und Regisseurin in Personalunion, begleitete Natasha und ihre Familie im Zeitraum von fast zwei Jahren. Der Film zeigt Natashas Alltag als Bettlerin in Österreich und die Lebensumstände in ihrer Heimat. Arbeitsplätze gibt es dort kaum. Die ehemaligen staatlichen Fabriken und Kolchosen dienen nun den Altmetallsammler_innen, die mühsam Drahtreste und Metallabfälle zusammen suchen und um ein paar Cent verkaufen. Nach dem Ende des Realsozialismus ist Natashas Familie an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Zu jung um in Pension zu gehen, ohne Aussicht auf einen Arbeitsplatz und praktisch ohne Perspektiven versucht die Familie, mit Natashas erbettelten Geld das Leben in ihrem Haus, das seit Jahrzehnten im Rohbau ist, erträglich zu gestalten (http://www.natasha-der-film.at/)


Ausstellung in der Bäckerei

Plakatserie: „Betteln – Armut hat ein Gesicht“. Fotoporträts von in Graz Bettelnden in der Grazer Innenstadt. Konzept: Arian Andiel, Fotografie: Arian Andiel und Paulus Jakob, gefördert von der steirischen Gesellschaft für Kulturpolitik (GKP)

Im täglichen Straßenbild werden Bettler_innen oft nur als Bildschatten ungefähr in Kniehöhe der Vorbeigehenden wahrgenommen so wie ihre Gesichter zum Teil in unterwürfiger Haltung verschwinden. Trotzdem sind sie ein Ärgernis für sozial deutlich besser ausgestattete Menschen. Wie so oft werden nicht die Ursachen reflektiert und (sozial-)politische Verbesserungen eingeleitet, sondern gedankenlos eine Projektion genützt, um Abneigungen, oft sogar Feindbilder zu konstruieren. Die Dokumentation und die Verdeutlichung von Haltungen sind seit jeher auch Methoden künstlerischer Arbeit.