2017 – Aufwachsen – Notlanden – Ankommen – Dazugehören

Foto: Emad Husso

Foto: Emad Husso

2017 initiierte die Initiative Minderheiten Tirol als Sonderprojekt eine Wanderausstellung mit Fotos des syrischen Journalisten Emad Husso aus Aleppo. Die Bilder entstanden in seiner Heimatstadt Aleppo, einem Flüchtlingslager an der syrisch-türkischen Grenze und aus der Tennishalle, einer Notunterkunft in Innsbruck, in der bis zu 300 Menschen (Männer) untergebracht waren. Die Fotos zeigen das Alltagsleben, wie trotz Krieg und Flucht versucht wird, eine Normalität aufrecht zu erhalten. Umrahmt wurden die Ausstellungen von Erzählcafés, wo wechselnde ProtagonistInnen (aus den jeweiligen Orten) über das Leben vor dem Krieg, vom Zusammenbruch dieses Lebens und dem Ankommen in Österreich erzählten. MusikerInnen vor Ort rundeten den Abend ab und ermöglichten das Kennenlernen unserer neuen NachbarInnen auf einer künstlerischen Ebene.

Emad Husso musste mit seiner Familie aus Aleppo flüchten, wo er Englische Literatur studierte und sich im Life Makers Team, einer NGO, engagiert hatte. Im Dezember 2015 kam er nach Tirol und arbeitet nun seit Juli 2016 im ehrenamtlichen Redaktionsteam bei „Voice of peace“, einem wöchentlichen Radiomagazin auf FREIRAD, dem freien Radio Innsbruck. Neben dem Begleiten der Fotoausstellung arbeitete er u.a. an einem Text, der zusammen mit einigen seiner Fotos in einer italienischen Publikation im Herbst 2017 erschien.

Innsbruck, Kulturbackstube – Bäckerei

Zum Auftakt der Veranstaltungsreihe gastierte die Ausstellung in der Bäckerei in Innsbruck. Zur Eröffnung am 18. Februar kamen rund 120 BesucherInnen, die u.a. von der Landeshauptmannstellvertreterin Ingrid Felipe begrüßt wurden. George Naser eröffnete mit seiner Oud (orientalische Laute) den Abend musikalisch.

Das rege Publikumsinteresse lässt sich neben der Öffentlichkeitsarbeit der Initiative Minderheiten einerseits auf die breite Vernetzung von Emad Husso im Rahmen seiner Journalistentätigkeit für FREIRAD zurückführen, aber auch auf die gute Berichterstattung über ihn und seine Arbeit z.b. in der Tiroler Tageszeitung.

Das Erzählcafé in Innsbruck fand zwei Tage nach der Eröffnung statt und war mit etwa 80 Personen ebenfalls sehr gut besucht. Neben Emad Husso waren die Grafikerin Safa Abou Hatab und der Musiker George Naser am Podium. In dem Gespräch wurde ein differenziertes Bild von Syrien vor dem Krieg gezeichnet, das sich einerseits in der Stellung der Frau in der Gesellschaft ausdrückte, andererseits blieben aber auch die Repressionen des Regimes nicht unerwähnt. Das interessierte Publikum dankte den berührenden, aber auch manchmal humorvollen Erzählungen mit Fragen und Anmerkungen. Das freie Radio Innsbruck, FREIRAD, zeichnete das Erzählcafé auf und strahlte es ein paar Tage später, am 23. Februar aus. Die Aufzeichnung findet sich hier. Außerdem lief am 20. Februar ein Beitrag über das Projekt im Rahmen der Sendereihe KulturTon auf FREIRAD, hier nachzuhören.

Die Ausstellung war etwa drei Wochen bis 9. März in der Bäckerei zu sehen.

Innsbruck, Rotes Kreuz Innsbruck

Im Rahmen einer Dankesfeier für die ehrenamtlichen Helfer der Rettung Innsbruck in der sogenannten „Flüchtlingskrise“ wurden die Initiative Minderheiten und Emad Husso am 1. April 2017 eingeladen, einige der Bilder im Gebäude der Rettung zu präsentieren, sowie über das Projekt „Aufwachsen – Notlanden – Ankommen – Dazugehören“ und Hussos Erfahrungen zu sprechen. Die etwa 50 geladenen Gäste folgten den Ausführungen gespannt.

Telfs, Noaflhaus

Von 9. bis 23. Mai machte die Wanderausstellung Halt im Heimatmuseum Noaflhaus in Telfs. Die Vernissage wurde vom Musiker und bildenden Künstler Hassan Ibrahim mit seiner Oud (orientalische Laute) bzw. Saz (Langhalslaute) umrahmt und war mit rund 70 Personen sehr gut besucht. Durch die Kooperation mit der Telfer Integrationsbeauftragten Edith Hessenberger war ein umfangreiches Rahmenprogramm möglich. So gab es sowohl informelle Treffen, wie ein Frauenfrühstück oder den Integrationsstammtisch, als auch eine Vorlesestunde der Bücherei oder ausgebuchte Schulworkshops mit Hassan Ibrahim über arabische Symbolik in der Malerei und arabische/orientalische Musik. Als Teil des Konzepts der Ausstellung wurde auch das Erzählcafé wieder veranstaltet. Zur Diskussion mit Emad Husso, Hassan Ibrahim und Miza Shalabi kamen in eher kleinerem Rahmen ungefähr 30 BesucherInnen, was aber eine dichte und intime Atmosphäre erzeugte. Die in Telfs lebende Miza Shalabi, ausgebildete Narkoseärztin, erzählte z.b. von den untragbaren Zuständen an der Universität in Damaskus, wo regimetreue Soldaten die Hörsäle kontrollierten oder von ihrer Zeit in Jordanien, wo sie mit einem Säugling darauf wartete, zu ihrem Mann nach Österreich nachreisen zu können. Hassan Ibrahim, der mit seiner Familie in Flaurling, einem nahen Dorf, lebt, sprach wiederum über sehr persönliche Dinge, wie dem Gefühl des Entwurzeltseins, fern von Freunden und Heimat. Ein sehr berührender Abend.

Reutte, Dengelgalerie

Im Rahmen des Weltladentags und auf Einladung des Weltladens Reutte gastierte die Ausstellung vom 9. bis 14. Juni in der Dengelgalerie in Reutte. Die Eröffnung wurde diesmal mit dem Erzählabend zusammengelegt, was sich gerade in dem kleinen Rahmen (etwa 40 Personen) als eine gelungene Verbindung herausstellte. Neben Emad Husso, sprachen der Friseur Mahmoud Kheder (er arbeitet in einem Friseurladen in Reutte) und Kinda Alhayek, die als gut situierte und ausgebildete Wirtschaftlerin Damaskus wegen des Kriegs verlassen musste. Beide sind in Reutte ansässig, was wieder interessante lokale und globale Perspektiven in die Diskussion einbrachte. Musikalisch wurde die Veranstaltung von Andreas Reisigl (Hang) und Amirpascha Razaie (Perkussion) umrahmt, einem spannenden Musikprojekt, das die typischen Hangmelodien mit orientalischen Rhythmen zusammenbringt.

An den folgenden Tagen organisierten die Kooperationspartner vor Ort noch mehrere Ausstellungsbesuche durch Schulklassen, die die Religionslehrerin Erika Walch-Sommer durch die Ausstellung führte.

Innsbruck, Spielraum für alle

Am Dienstag, 24. Oktober kam die Ausstellung wieder nach Innsbruck zurück. Im Spielraum für Alle war sie etwa 10 Tage zu sehen. Begleitet wurde die Ausstellung von einem Gesprächsabend, in dem Flucht aus drei Perspektiven beleuchtet wurden. Neben Emad Husso waren die beiden freiwilligen Helferinnen Nina Walch und Alkisti Alevropoulou-Malli auf der Bühne und erzählten über ihre Arbeit in Idomeni bzw. Lesbos. Der Abend wurde von Clemens Maaß moderiert.

Innsbruck, Neue Mittelschule der Pädagogischen Hochschule Tirol

Auf Einladung der Pädagogischen Hochschule Tirol kamen Emad Husso und Michael Haupt am 22. November in eine Doppelstunde der Klasse 4b der Neuen Mittelschule der Pädagogischen Hochschule Tirol und erzählten zu einer Präsentation der Bilder via Beamer über das Projekt bzw. die Erfahrungen von Emad Husso in Syrien und auf der Flucht. Die Schüler und Schülerinnen waren äußerst interessiert und brachten sich mit Fragen, nach dem etwa einstündigen Vortrag, ein.

Landeck, Altes Kino

Die letzte Veranstaltung im Rahmen der Wanderausstellung „Aufwachsen – Notlanden – Ankommen – Dazugehören“ fand am 30. November im Alten Kino in Landeck statt. Unter der Moderation von Clemens Maaß sprachen wieder Emad Husso, Alkisti Alevropoulou-Malli und Nina Walch, sowie der in Landeck ansässige Syrer Salah Sokar. Ähnlich wie einen Monat zuvor in Innsbruck kamen sowohl die Erfahrungen der Flüchtenden zur Sprache, als auch die Erlebnisse der freiwilligen Helferinnen. Die Fotografien von Emad Husso wurden in einer langsamen Präsentation während des Gesprächs auf der großen Kinoleinwand im Hintergrund gezeigt. Vor etwa 40 Besuchern und Besucherinnen wurden zum Teil beklemmende Geschichten (wie etwa von Salah Sokar) erzählt, die vielleicht wieder ein Stück weit Verständnis für die Situation von Flüchtlingen und warum sie ihre Heimat verlassen mussten erzeugt.

Aufwachsen – Notlanden – Ankommen – Dazugehören konnte nur mit Hilfe der Kooperationspartner stattfinden. Wir bedanken uns herzlich bei:

Diese Veranstaltungsreihe wurde im Rahmen von TKI open 17 durch das Land Tirol gefördert und im Rahmen von stadt_potenziale 2017 durch die Stadt Innsbruck.