1. Jenischer Kulturtag

Samstag, 29. Oktober, 15:00 bis 22:00 Uhr

Kulturbackstube, Die Bäckerei, Dreiheiligenstraße 21a, Innsbruck

16_im_jenischer_kulturtag_rzIn kleinen Familienverbänden zogen die Jenischen früher durchs Land – Menschen mit eigenständigen kulturellen Traditionen. Geblieben sind die Jenischen bis heute eine soziokulturelle Minderheit. Viele waren – wie Romed Mungenast beschreibt – gezwungen, sesshaft zu werden. Im Nationalsozialismus wurden Jenische verfolgt und ermordet. Auch nach 1945 und bis zur jüngsten Vergangenheit und Gegenwart waren und sind Jenische vielfachen Diskriminierungen ausgesetzt, u.a. bei den Zwangseinweisungen jenischer Kinder in Erziehungsheime. Jenische, ebenso wie in Tirol bzw. Österreich lebende Roma und Sinti, mussten oft ihre Herkunftsgeschichte verschweigen. Viele haben sogar ihren Familiennamen geändert, um dieser Diskriminierung zu entgehen.

Die jenische Sprache und die kulturellen Traditionen der Jenischen geraten zunehmend in Vergessenheit – ein verlorenes kulturelles Erbe, eine unsichtbare Tiroler Geschichte. Diesem Vergessen möchte der „1. Jenische Kulturtag“ entgegenwirken.

Programm:

15:00 – Eröffnung und Begrüßungsworte

15:15 – Gedichte von Venanz Nobel

15:30 – Filmausschnitte und Gespräch mit dem Historiker Horst Schreiber

„Jetzt reden wir. Ehemalige Heimkinder erzählen“

In dem Film „Jetzt reden wir“ von Horst Schreiber und Christian Kuen erzählen 14 Frauen und Männer über ihre Kindheit und Jugend, die sie zwischen Anfang der 1950er und Ende der 1980er Jahre auf Pflegeplätzen, in Kinderheimen und Erziehungsanstalten verbrachten. Sie berichten über die Auswirkungen dieser Form der Fremdbetreuung auf ihren weiteren Werdegang und ihr Ringen um ein Leben in Würde und Respekt. In staatlichen und kirchlichen Heimen waren Kinder und Jugendliche aus armen Familien Objekte der Gewalt. Es geht um Praktiken des systematischen Quälens, Schlagens und der Erniedrigung, die in anerkannten Institutionen der Fremdunterbringung in der Zweiten Republik bis in die 1980er Jahre ausgeführt wurden. Auch viele jenische Kinder und Jugendliche waren von dieser Gewalt betroffen. Anschließend steht Horst Schreiber, der zu dieser Problematik einzigartige Pionierarbeit in Tirol geleistet hat, für ein Gespräch zur Verfügung.

Horst Schreiber: Mag. phil.; Dr. phil.; habilitiert am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck; Lektor für Methodik und Didaktik für Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung (GSP) an der Universität Innsbruck, AHS-Lehrer für GSP und Französisch am Abendgymnasium Innsbruck und Leiter von www.erinnern.at Tirol.

16:45 – Lesung aus dem Roman „re:mondo“ und Gespräch mit Simone Schönett

Die große Frage der Erinnerung findet man als Leitmotiv in allen Romanen von Simone Schönett. Ihre Literatur ist angesiedelt bei den Außenseitern, den an den Rand Gedrängten und Machtlosen; Opfer und „Sündenböcke“ sind es also, die im erzählten Kosmos zentrale Rollen einnehmen.

Den Jenischen hat die österreichische Schriftstellerin 2010 mit „re:mondo“ (Edition Meerauge) ein Erinnerungsdenkmal gesetzt, das behutsam und eindringlich verdeutlicht, womit Jenische im 20. und 21. Jahrhundert tatsächlich konfrontiert waren und sind. Mit leiser Traurigkeit, zwischen Geschichte und Gegenwart, wird davon erzählt, wie sich große Geschichte im Kleinen zeigt und wiederholt:  Alles was war, wird wieder sein.

Mit dezenter Ironie verrät Simone Schönett in „re:mondo“ aber auch, was die Bibel verschweigt: Noah hatte einen Bruder, unbekannterweise. Das war Jakob, ein freiheitsliebender, musikalischer und reisender Mensch. Jakob und seine Spielleute haben die große Flut auch überlebt – in Jenesien, als Jenische…

Nach der Lesung gibt es die Möglichkeit zum Gespräch mit der Schriftstellerin

Simone Schönett: geboren 1972 in Villach, seit 2001 freie Schriftstellerin. Eine österreichische Jenische. Studium der Romanistik, Pädagogik und Medienkommunikation. Schönett erhielt Auszeichnungen und Preise für Lyrik und Prosa, unlängst den  STW-Klagenfurt-Lyrikpreis und das österreichische Staatsstipendium für Literatur. Zuletzt veröffentlichte sie 2012 die Novelle:„Oberton und Underground“ und 2014 der Roman „Der Private Abendtisch“ (Verlag: Edition Meerauge).

18:30 – Gedichte von Sieglinde Schauer-Glatz

18:45 – Erzählcafé: Jenische Selbstorganisierung in der Kulturarbeit. Perspektiven aus drei Ländern

Mit: Alois Lucke [A], Venanz Nobel [CH], Alexander Flügler [D]

Die Situation von Jenischen ist in verschiedenen Ländern höchst unterschiedlich. In der Schweiz sind sie als Minderheit seit Jahren anerkannt und in der Radgenossenschaft gut organisiert, u.a. aufgrund der Proteste gegen Kindeswegnahmen, die bis in die 1970er Jahre reichten. Im Unterschied dazu ist Selbstorganisierung von Jenischen in Österreich und auch in Deutschland aufgrund der Rahmenbedingungen wesentlich schwieriger. Die drei Diskutanten erzählen über unterschiedliche Voraussetzungen und die daraus folgende Herangehensweise, wie jenische Selbstorganisierung in der Kulturarbeit erfolgt. Welche gelungenen Initiativen und Gründungen von jenischen Kulturvereinen gibt es? Mit welchen Schwierigkeiten ist die Sichtbarmachung jenischer kultureller Aktivitäten konfrontiert? Was bräuchte es, um Selbstorganisierung zu ermöglichen und zu unterstützen?

Es diskutieren:

Alois Lucke: Präsident des Jenischen Kulturverbands Österreich
Venanz Nobel: jenischer Autor, Historiker, hauptberuflicher Buchhalter, lebt und arbeitet in Basel. Seit den 1980er-Jahren ist er in diversen Organisationen der Jenischen aktiv, Mitbegründer des Vereins „schäft qwant“ in Basel und Mitglied der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus EKR.
Alexander Flügler: Vorstand des Vereins der Jenischen e.V. Singen, Deutschland.

Moderation: Michael Haupt (Initiative Minderheiten)

20:15 – Lesetheater: Fremd in der eigenen Heimat – Unkraut und Landplage. Stück in 2 Akten von Sieglinde Schauer-Glatz

… Mutter: „Was werden sie denn schon wollen? Immer das gleiche. Dass wir hier verschwinden, was denn sonst.“
Vater: „Jede Gemeinde schiebt uns ab und will uns nicht haben. Die Kirche, die Gemeinde, das Jugendamt, alle helfen zusammen. Wenn es nach denen gehen würde, müssten wir uns in Luft auflösen.“ …

Das Stück handelt von der Geschichte einer jenischen Familie während der Zeit des Nationalsozialismus und bis in die Nachkriegszeit. Es thematisiert Verfolgung, Ausgrenzung, Kindeswegnahme, die Verleugnung der jenischen Herkunft und schlussendlich das Zurückfinden zu den Wurzeln.

Mitwirkende: Kelina Canazei, Ronja Forcher, Christian Forster, Werner Frank, Anita Gitterle, Juliana Haider, Siggi Haider, Michael Haupt, Wolfgang Hundegger, David Köhle, Barbara Moser, Gabi Plattner, Siegfried Schmid, Christine Tscherner, Luis Vogelsberger.

Musik: Siggi Haider (Akkordeonist; Komponist von Theater- und Hörspielmusiken; Lehrtätigkeit am Tiroler Landeskonservatorium).

Sieglinde Schauer-Glatz: geb. 1948 in Tirol als Kind jenischer Eltern. Sie ist u.a. engagiert für die Integration von Menschen mit Behinderungen und schreibt Lyrik, Mundartgedichte, Theaterstücke und Märchen.

21:15 bis 22:00 – Ausklang mit Musik

Rahmenprogramm:

Ausstellung: Les arts des voyageurs. Jenische Kunst und Geschichte

Die Ausstellung des Jenischen Kulturverbandes Österreich wurde zum ersten Mal im Jahr 2007 gezeigt. Sie ist ein Versuch, die Vergangenheit aufzuarbeiten und bestehende Vorurteile abzubauen, um positive Impulse für die Zukunft setzen zu können.

Die Ausstellung kann neu reproduziert und präsentiert werden aufgrund einer Kooperation mit dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck.

Wort-Spenderei

Erstmalig in Tirol wird versucht, eine Sammlung von Wörtern und Redewendungen der regionalen Varianten der jenischen Sprache aufzubauen – schriftlich oder akkustisch. Dieses interaktive Archiv wird in der Initiative Minderheiten aufbewahrt, bearbeitet und zukünftig ausgebaut, um das kulturell-sprachliche Erbe der Jenischen zu bewahren.

Wir bitten darum, die Wort-Spenderei – ein Ort der Begegnung und des Austausches – zu besuchen, um ihre jenische Wort-Spende auf Papier zu bringen.

Gestaltung/Konzept: Mag.a Heidi Schleich (Sprachwissenschafterin mit dem Schwerpunkt jenische Sprache) in Kooperation mit der Initiative Minderheiten Tirol.

Eine Veranstaltung der Initiative Minderheiten Tirol in Kooperation mit dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck.

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